Bretter, die die Welt bedeuten
Auf den ersten Blick geht es ruhig und beschaulich zu auf dem Gelände der Mainzer Schauspielschule in Bretzenheim. Die Alte Ziegelei mit ihren zahlreichen backsteinernen, denkmalgeschützten Häusern, Lagerräumen und Baracken wirkt wie ein romantisches Idyll.
Obstbäume werfen ihre Schatten in den herbstlichen Nachmittag, in einem kleinen Gatter haben Hühner ihren Platz zum Eierlegen, ein Hund läuft vorbei und setzt sich ins Gras.
Gleichzeitig spürt man aber auch viel Spannung in der Luft, denn es müssen ständig neue Rollen, Szenen, Lieder und Improvisationen erarbeitet werden.
Alles dreht sich hier um die hohe Kunst des Schauspiels auf den Brettern, die die Welt bedeuten.
Ich treffe Elena und ihre Mitstudenten. Elena Weber ist einundzwanzig Jahre alt und im dritten Jahrgang der Mainzer Schauspielschule. Heute wartet wieder das Rollenstudium mit Ihrem Dozenten Till Kretzschmar auf sie. Sie probt die Rolle der Frau Grollfeuer aus „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ von Werner Schwab, „dem Punk des Theaters der 80er Jahre“, wie sie es formuliert. Es wird rotzig-radikal und emotional aufreibend werden, denn Frau Grollfeuer hat gerade ihre Geburtstagsgäste vergiftet und hält nun Monologe auf den Sinn und Zweck ihrer abscheulichen Tat. – Der alptraumhaft-brutale Abgrund einer hasserfüllten Alkoholikerin, die nicht davor zurückschreckt, sich der Mordlust hinzugeben …
„Ich muss, ich will mich ganz und gar mit meiner Rolle identifizieren, damit es authentisch wirkt“, erklärt Elena, „Ich strebe danach, den Punkt zu erreichen, wo ich nicht mehr weiß, wer ich bin. Dabei werde ich zu Frau Grollfeuer. Wie viel wert sind die Freundlichkeiten, mit denen wir uns über die Realität des Alltags hinwegtäuschen? Was ist der Unterschied von Geilheit und Sinnlichkeit? Wie gehe ich mit Aggression und Resignation um? – Solche und ähnliche Fragen. Das ist nicht leicht und geht auch nie ganz spurlos an mir vorüber.“
Ihr Privatleben sei schon völlig von ihrer Schauspielkunst okkupiert, gibt Elena preis. Ihre Mitschüler stimmen damit überein: Schauspielkunst sei etwas ganz und gar Existenzielles, Kunst und Leben nicht zu trennen, weswegen man als Schauspieler unter Otto-Normal-Verbrauchern auch immer etwas einsam sei. „Schauspielerei betreibe ich mit jeder Faser meines Körpers, voller Leidenschaft, anders geht es nicht“, so Christin Dietzel (23) und Florian Gierlichs (21) setzt hinzu, etwas anderes als Schauspieler zu werden, könne er sich gar nicht vorstellen, das liege einem sozusagen in den Genen und sei Schicksal.
Der Lehrplan von Elena und den anderen Studenten enthält die Stimm- und Sprechbildung, die Improvisation, die Grundlagen des Schauspiels, das Szenen- und Rollenstudium, aber auch Theatergeschichte und -Theorie. Die Ausbildung dauert drei Jahre und umfasst im Vollzeitstudium im ersten Jahr etwa 25 Wochenstunden. Die Kosten liegen bei 320 Euro pro Monat, die von den Studenten selbst erbracht werden müssen. Es gibt fast keine staatlichen Subventionen, manchmal hilft ein Bildungskredit. Der Erhalt der Schauspielschule funktioniert in Eigenregie: aufräumen, putzen, renovieren.
Bei der Probe ihrer neuen Rolle erweist sich Elena als gelehrige und talentierte Schülerin. Ihr Lehrer Till mit den Birkenstockschuhen und der Nickelbrille, selbst Schauspieler und seit vielen Jahren Dozent an der Mainzer Schauspielschule, verlangt nicht wenig von ihr, wenn nicht sogar alles. Jede Tonlage, jede noch so kleine Geste, die gesamte Mimik werden minutiös abgeprüft, diskutiert und der größtmöglichen Vollendung entgegengeführt. Elena ist gut vorbereitet; auch der schwierige, zum Teil sehr platte, derbe, zotige Text aus der Feder des österreichischen Infant terribles Werner Schwab macht ihr keine größeren Probleme. Till ist zufrieden, Elena erschöpft.
Die Studenten aller drei Jahrgänge zeigen auf dem Gelände der alten Ziegelei das ganze Jahr über im Unterricht erarbeitete Rollen, Szenen, Lieder sowie Ausschnitte aus den Fächern Tanztheater, Fechten oder Pantomime. Bei den in jedem Sommer stattfindenden Abschlusspräsentationen werden komplette Theaterstücke dargeboten, wie etwa die Klassiker von Schiller und Shakespeare. Es gibt ein internationales Austauschprogramm. In der kommenden Woche werden Studenten aus Izmir in der Türkei und aus dem französischen Metz zu Gast sein. Die Motivation ist gut.
Till Kretzschmar betont nachdrücklich: „Das Studium hier ist eine unglaublich großartige Chance. Es ist schade, dass dies in der öffentlichen Wahrnehmung zum Teil unterschätzt wird. In fiktiven Situationen, Schreckensmomente oder Glücksgefühle nachzuempfinden und durchzuspielen, ist das enorme Potential des Schauspiels. Der Student hat hier die exklusive Aufgabe, viele in der heutigen Zeit leider verkümmerte Sensoren zu aktivieren und die wundervollsten Dinge zu erleben. Schauspiel ist Hingabe mit Geist, Körper und Seele.“
Auf www.schauspielschule-mainz.de kann ein virtueller Rundgang durch die Schauspielschule gemacht werden. Außerdem stellen sich alle Schüler und Dozenten vor.
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Rubrik: Kultur
Ort: Bretzenheim
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Schauspielschule
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