Beiträge zu: Alle | Wählen
104
0
1
0
Artikel

Kultur / Mainz City

Martin Wimmer - 04. Juli 2017 um 10:33

Theaterkritik "Spinnerling" (R: Sara Ostertag)

Wenn ein siebenjähriger Junge die Flügel eines Schmetterlings an eine Spinne klebt, um diese Kombination seiner Liebsten zu schenken, ist das rührend - und seltsam.

Henner Momann. Pressefoto Staatstheater Mainz
Henner Momann. Pressefoto Staatstheater Mainz

"Spinnerling" nennt er diese Kreuzung, "Spinnerling" wird er von seinem älteren Bruder genannt, der ihn tyrannisiert, während die Mutter der beiden geistesabwesend den normalen Alltag am Laufen hält.

Bei dieser kleinen Familie liegt etwas im Argen, das wird schnell klar.

Der "Spinnerling" Hidde (Henner Momann), sein älterer Bruder Jeppe (Daniel Friedl) und ihre Mutter (Anika Baumann): Leben sie miteinander oder nebeneinander? Jenes Miteinander ist ein Thema des diesjährigen SCHÄXPIR-Theaterfestivals im österreichischen Linz, das unter anderem von Regisseurin Sara Ostertag geleitet wird. Ostertag ist dank "Spinnerling" mit einer eigenen Inszenierung vom Staatstheater Mainz vertreten, mit der sie zeigt, wie gut die Auseinandersetzung mit Psychodramen auch auf dem Terrain des Kinder- und Jugendtheaters gelingen kann. Das dementsprechende Publikum lässt sich hervorragend darauf ein.

Alle drei Hauptfiguren müssen ein Trauma verarbeiten und haben sich hierfür ganz eigene Rückzugsorte gesucht: Mutter stürzt sich in die Arbeit, während Jeppe seine überschüssige Energie an seinem Schlagzeug auslässt und der kleine Hidde unten in einem "Geheimkeller" ein Insektenlabor betreibt. Ebenso wie seine Kollegen zeichnet Momann seinen Charakter nicht plakativ. Wie ein kindlicher Professor rollt sich Hidde durch sein Labor, sein kleines Heiligtum, an dem sein junges, unschuldiges Herz hängt, aber Momann führt ihn nicht vor, er lässt uns mitfühlen und mitfiebern.

Hidde und Jeppe führen einen Krieg, der unvermeidlich und unverständlich zugleich ist, in ihren Kinderköpfen logisch, aus der Erwachsenensicht aber deprimierend. Schicksalsschläge führen uns nicht zwangsläufig zusammen, sondern können negative Kräfte auslösen, die das Miteinander zusätzlich erschweren. Daraus darf das Publikum lernen, Ostertag hebt aber nicht den Zeigefinger. Sie bietet uns ein sensibel erzähltes, einfühlsames Familiendrama an, das trotz aller tragischen Aspekte auch komisch ist. Wir lachen über die und zugleich mit den beiden kriegführenden Jungen, die beide über den Keller herrschen und einander einfach nicht verstehen wollen.

Die Aussage, der Interpretationsspielraum der Inszenierung, beruhend auf dem Roman "Spinnerling" von Simon van der Geest, ist großartig. Ein jeder braucht seinen Raum, aber um als Gemeinschaft zu funktionieren, müssen wir uns öffnen und Kompromisse eingehen. Wir dürfen uns nicht verkriechen und verschanzen, sonst stauen sich Emotionen an, die irgendwann explodieren und alle Anspannungen nur noch verschlimmern. Die Inszenierung ist außerdem wertvoll, weil sie uns die Welt aus Kinderaugen sehen lässt. Und wer sieht diese Welt, die auf so sinnlose Weise feindlich, zynisch und kalt sein kann, nicht klarer und ehrlicher als Kinder?


Beitrag melden

Mehr zum Thema

  • Besprechung „La Bohème“ am 19. Oktober 2016 im Staatstheater Mainz
    Liebe und Leidenschaft: Was passt besser zu einer Oper? Mit Giacomo Puccinis „La Bohème“ hat Intendant Markus Müller eine der weltweit bekanntesten und beliebtesten Werke dieser Gattung auf den Mainzer Spielplan gesetzt. Eine sehr publikumsfreundliche Entscheidung, denn der Inhalt ist schnell erzählt und die Handlung wird durch eingängige Kompositionen getragen.
    Es geht um die beiden jungen Künstler Rodolfo und Marcello, einen Dichter und einen Maler, die sich ungefähr im Jahr 1830 eine Mansarde im Pariser Quartier Latin teilen. Sie haben nicht viel Geld, aber mithilfe ihrer Freunde wissen sie sich immer wieder über Wasser zu halten. Rodolfo verliebt sich in eine junge Frau namens Mimi, kurz darauf flammt Marcellos Leidenschaft für seine einstige Geliebte
  • Theaterkritik "NARRatio", Szenisches Projekt der Theaterwissenschaft Uni Mainz 2017
    Studierende der Theaterwissenschaft haben die Figur des Narren zum Forschungsobjekt erklärt. In ihrem szenischen Spaziergang NARRatio laden sie zu einer Reise auf dem Narrenschiff durch die Mainzer Innenstadt ein und begegnen vielen Harlekinen in freier Wildbahn.
    Zu den Spaßmachern, Narren, Harlekinen, oder wie sie sonst noch genannt werden, sollen die Teilnehmenden gebührende Distanz halten, um nicht in Versuchung zu geraten und sich gar selbst zum Narren zu machen. Startpunkt des Spaziergangs ist ein unscheinbares Bürogebäude, die Landeszentrale für politische Bildung. Dort werden die Spaziergänger von vier Radiogeräten empfangen, die zeitlich versetzt
  • Besprechung der Inszenierung von „Woyzeck“ am 6. Mai 2016 von der Jungen Bühne Mainz
    Noch einmal am 9. Juni wird eine Inszenierung von Georg Büchners „Woyzeck“ im Mainzer Haus der Jugend zu sehen sein. Das Ensemble der Jungen Bühne Mainz hat eine fesselnde Version des bekannten Dramenfragmentes vorgestellt: ehrgeizig, innovativ, schlicht. Schlicht ist auch der Name des Hauptdarstellers: Andreas Schlicht, Vorzeigebild eines ambitionierten Jungschauspielers, der die Bühne physisch u
  • Besprechung der Inszenierung von „Die Ratten“ am 14. Mai 2016 im Staatstheater Mainz
    Um ein Kind zu behalten, das gar nicht ihr gehört, bringt eine Frau dessen Mutter um. Dabei ist ihre Seele doch schon zerrissen genug. In der Wiederaufnahme von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ verzweifelt sie nun am Mainzer Staatstheater immer mehr am Überlebenskampf in einer harten, manchmal zynischen Welt. Am 29. Mai wird der letzte Vorhang fallen, leider. Die Bühne: ein Gerüst, auf dem sich kei

Kommentare (0)


Es wurden noch keine Kommentare hinterlassen.

Mainz macht mit

Eben entdeckt. Einfach aufgeschrieben. Gleich veröffentlicht. In der Mitmachzeitung. Von Mainzern für Mainzer. Zum Berichten. Zum Lesen. Zum Meinung machen. Zum Meinung bilden. Mainz macht mit.

Jetzt Mitmachen


Über den Artikel


Rubrik: Kultur
Ort: Mainz City
Tags: Theater Theaterkritik Rezension Kindertheater Jugendtheater Staatstheater Mainz Sara Ostertag Spinnerling Linz Festival Martin Wimmer


Über den Autor


Martin Wimmer
Martin Wimmer
Standort: Mainz City
Beruf: Kulturpädagoge, Student, Schauspieler, Schriftsteller
Anzahl Artikel: 27
Geboren 1991 in Weißenfels, Sachsen-Anhalt. Studium Kultur- und Medienpädagogik in Merseburg, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Mainz. Im Museum Weißenfels Schloss Neu-Augustusburg ehrenamtlich engagiert. Initiator mehrerer Amateurtheaterprojekte in Weißenfels. Autor im Dessauer Machtwortverlag. Gesangsausbildung bei Doreen Busch in Weißenfels und am Collegium Musicum in Mainz. Grundlagen der praktischen Theaterarbeit bei Kulturwissenschaftlerin Skadi Gleß, Schauspieler Thomas Höhne, Choreograph Luciano Di Natale und Schauspieler Hendrik Martz in Merseburg, Hannover, Karlsruhe und Frankfurt am Main. ”

Weitere Artikel von diesem Autor



Veranstaltungskalender


Juli 2017

MoDiMiDoFrSaSo
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31