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Vereine / Bretzenheim

Udo Schön - 23. November 2017 um 15:00

Auslaufmodell Verein?

In Deutschland entstanden die Vereine Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge und auch als Folge der industriellen Revolution. Die Menschen schlossen sich zur Erreichung eines gemeinsamen Zieles zu Gemeinschaften zusammen, die sie in Form von Vereinen organisierten. Bei der Entstehung der Vereine -angefangen von den Turn-und Sportvereinen, Musik- und Gesangvereinen bis hin zu den Kleingartenvereinen etc.- war es gerade revolutionär, dass die Mitglieder unabhängig von Beruf und Herkunft gleichwertig waren. Jedes Mitglied hatte das Recht auf Teilhabe. Der Verein war Ort der Begegnung und Heimstatt zugleich.

Auch unser Männerchor entstand in dieser Zeit. (Einzelheiten der Vereinsgeschichte sind unserer Homepage www.maennerchor 1839. de) Die Gründung erfolgte am 08.10.1839. Es war die erste Vereinsgründung im Ort.

Vereinsfahne
Vereinsfahne

Die Entwicklung und Verbreitung der Vereine war ein grandioses Erfolgsmodell.

Rd. 600.000 eingetragene Vereine (5 Mal mehr als 1965) gibt es heute in Deutschland. Sie sind Beweis einer engagierten Zivilgesellschaft, sie sind eine tragende Säule unseres Gemeinwesens, das ohne das ehrenamtliche Engagement der Bürger anders aussehe. Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, hat in den letzten 20 Jahren zugenommen, vorwiegend im sozialen Bereich (s. Flüchtlingshilfe etc.).

Daneben erlebten Sportvereine einen Boom mit einer dynamischen Aufwärtsentwicklung der Mitgliederzahlen (91.000 mit 27 Millionen Mitgliedern). Inzwischen stagniert diese wieder. Mehrere Untersuchungen der Entwicklung ergaben jedoch, dass diese vermeintliche Attraktivitätssteigerung ausschließlich dem Umstand geschuldet ist, dass die Sportvereine ihre Angebote als kostengünstigere Konkurrenz für „Mucki-Buden“, Ballett- und Yoga-Schulen oder sogar Wellness-Zentren massiv erweitert haben. Die diese Angebote annehmenden, neuen Mitglieder treten dem Verein aber nur bei, weil dieser die billigere Alternative gegenüber den Fitness-Studios ist. Die neuen „Mitglieder“ wollen und entwickeln zum Verein keine innere Bindung, dessen Zielen sind ihnen egal, eine Teilnahme am Vereinsleben oder sogar eine Mitarbeit findet nicht statt, wird nachdrücklich abgelehnt.

Dies ist aber keine spezifische Problematik der Sportvereine, sondern sie ist auch inzwischen in allen Vereinsarten Realität.

Die Gründe hierfür sind sehr vielschichtig und auch wegen der vielfältigen Interessengebiete (Sport, Kultur Kirche, Sozialbereich, Schule und Bildung etc.) ganz unterschiedlich. Aus meiner Sicht hat aber die veränderte Arbeitswelt einen maßgeblichen Anteil an der Entwicklung, die alle Sparten gleichermaßen trifft. Die Anforderungen des Arbeitslebens an Mobilität, Flexibilität und Arbeitszeit, insbesondere die geforderte jederzeitige Rundumerreich- und Verfügbarkeit sind heute mit einer regelmäßigen Freizeitgestaltung wie beispielsweise dem wöchentlichen Besuch von Proben nicht mehr vereinbar.

Im kulturellen Bereich ist bundesweite Realität der nachhaltige Rückgang von reinen Männer- und Frauenchören, fehlender Nachwuchs bedingt die Einstellung aller Aktivitäten und die Vereinsauflösung. Auch bei unserem Chor ist trotz zahlreicher Werbemaßnahmen die Chorstärke spürbar rückläufig. Zu unserem Jubiläum Mai/Juni 2014 waren wir noch 42 Sänger. Seither haben wir in diesen 2 Jahren 17 Sänger -vorwiegend aus Alters-und Gesundheitsgründen- verloren. Diesen Verlust konnten wir trotz aller Bemühungen nur unzureichend kompensieren. Derzeit beträgt aktuelle Chorstärke 25 Sänger. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich auch für unseren Männerchor die Frage stellt, ob er -wie viele Chöre in Mainz und im Umland- den Weg der gesanglichen Fusion mit anderen Chören einschlagen soll.

Viele kluge Köpfe haben sich Gedanken gemacht, bisher erfolglos nach wirksamen Rezepten gesucht. Es gibt auch keine allgemein gültige Formel.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben"

„Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“

Sicherlich hat jeder Leser diese beiden Zitate in den letzten Jahren schon öfter gehört. Die 1. Aussage machte Michael Gorbatschow gegenüber Erich Honecker 1989 vier Wochen vor dem Mauerfall in Ostberlin. Die zweite Aussage ist –man glaubt es kaum- von Friedrich Schiller und damit über 200 Jahre alt und immer noch aktuell. Beide Jahrhundertsätze beinhalten die Warnung:

Wer sich nicht dem Wandel der Zeit anpasst, quasi mit der Moderne Schritt hält, der vergeht im Laufe der Zeit, geht quasi unter. Man hat das Nachsehen, wenn man etwas nicht rechtzeitig erkennt und entsprechend handelt. Dies in praktisches Handeln umzusetzen, ist sehr schwierig, zumal viele der unmittelbar davon Betroffenen Probleme, Risiken und Schwächen reklamieren und nicht sehen oder sehen wollen, dass solche Veränderungen auch durchaus Chancen bieten.

Dem Vorstand des Männerchores war schon lange bewusst, dass auch er sich diesem Wandel nicht entziehen kann und hat mit der Gründung eines gemischten Chores, unseren Dantesingers, eine solche Chance ergriffen. Ein erfolgreicher Schritt, der mit über 40 SängerInnen den Bretzenheimer BürgerInnen ein attraktives, zusätzliches Kulturangebot bietet.

Diese Frage müssen wir uns permanent stellen. Das einzig Beständige ist der stete Wandel, den wir immer beobachten und adäquat reagieren müssen.

Derzeit beginnt –vielen noch nicht bewusst oder bekannt- die Digitale Revolution, deren Folgen und Auswirkungen in alle Lebensbereiche greifen werden. Insbesondere die Arbeitswelt wird durch den Einsatz von Robotern nicht vorstellbare Verluste an Arbeitsplätzen bringen, die gewaltige gesellschaftliche Verwerfungen auslösen werden. Auch die Vereine werden heute noch nicht absehbare Folgen zu bewältigen haben.

Die Frage, ob Vereine ausgedient haben und als Orte der Begegnung in naher Zukunft wegfallen, kann derzeit niemand beantworten. In den nächsten Jahren wird sich organisatorisch und strukturell vieles ändern (müssen). Es gibt für mich aber kein Grund zum Schwarzsehen. Ich bin fest davon überzeugt, selbst in unserer heutigen schnelllebigen Zeit, in unserem digitalen Zeitalter mit seinen medialen Überangeboten, ist das selbst gesungene Lied immer noch die menschlichste Art der Musik, und der Zusammenklang vieler Stimmen zeigt ein immer (noch) vorhandenes Bedürfnis des Menschen: In der Gemeinschaft Gleichgesinnter die Harmonie und die Schönheit eines Chorliedes zu erleben, um sich selbst und anderen Menschen Freude zu schenken!

Damit dies auch so bleibt, muss aber auch jedes Mitglied im Rahmen seiner Möglichkeiten mitwirken, bereit sein, für dem Wandel geschuldete Neuerungen mitzutragen und sich daraus auch ergebende Chancen zielführend anzunehmen. In welcher Organisationform der Chorgesang dann letztendlich erfolgt, ist sekundär. US


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Rubrik: Vereine
Ort: Bretzenheim
Verein: Männerchor 1839 e.V. Mainz-Bretzenheim
Tags: Vereine Zukunftsfragen


Über den Autor


Udo Schön
Udo Schön
Standort: Bretzenheim
Beruf: Pensionär
Anzahl Artikel: 23
Eines meiner Hobbies ist der Chorgesang. Seit Jahren bin ich aktiv im Männerchor 1839 Mainz-Bretzenheim e.V.,als Geschäftsführer gehört auch die Öffentlichkeitsarbeit zu meinen Aufgabenbereichen. ”

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